Opas Oper ist zwar nicht tot, wird aber oft zu Tode inszeniert Der Festspielsommer und die erste Halbzeit in unseren Theatern und Opernhäusern sind zu Ende. Wenn man eine Bilanz ziehen sollte, was ja durchaus einmal angesagt ist, dann muss es auch erlaubt sein, das moderne Regietheater unter die Lupe zu nehmen. Ist also der Ruf „Neurotiker aller Länder, vereinigt euch, schlachtet die Oper, macht ihr den Garaus, opfert sie dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, überlasst sie weiterhin rasenden Berserkern, Besserwissern und Pseudointellektuellen!“ ein Zeichen unserer Tage?
Von Wul Mämpel
Essen, Alto Theater, Götterdämmerung , Foto: Matthias Jung
Dass das zahlende Publikum aus den Opernhäusern gejagt wird, ist nur ein Aspekt des „zeitgenössischen“ Regietheaters, es ist vielmehr ein Zustand, in dem Komponisten und Autoren den Regieteams ausgeliefert sind. Gnadenlos – und auch noch von Steuergeldern und Big Spendern finanziert. Damit wir uns nicht missverstehen: Niemand will den Mief des 19. Jahrhunderts konservieren. Weiß Wotan nicht! Die Frage ist jedoch: Ist wirklich alles erlaubt, was nur noch wenigen gefällt? Wer bietet diesen Regisseuren Einhalt, die offenbar machen können, was sie wollen? Die Frage: Warum werden die Geschichten, zu der ja die geniale Musik komponiert wurde, nicht mehr erzählt? Tannhäuser spielt in Bayreuth in einer Biogas-Anlage, Wotan läuft im Essener Rheingold in Unterhosen umher und schläft den Rheintöchtern bei, die Götter sind schwulen Rocker und Alberich onaniert.
Hand aufs Herz: Was ist los in Deutschlands Opernhäusern? Wenn man das alles als staunender, oft Buh rufender Zuschauer, nicht goutiert, gilt man als konservativ, rückständig, wenig en jour, man ist ein ewig gestriger und völlig verstaubter Opernfan, der sich staunend die Augen reibt und an die teuren Karten denkt. Warum werden das Publikum und die Steuerzahler, die das abstruse Geschehen auch noch mitfinanzieren – kein Opernhaus kommt ohne Subventionen aus – immer öfter an der Nase herumgeführt? Was die Egomanen – die sich Regisseure nennen – sich unter dem Mantel der Erneuerung an Provokation erlauben, ist weder geschmackvoll noch intelligent noch genial. Wer will das eigentlich wirklich konsumieren, was einem da an Unsinn serviert wird – unter dem Motto der künstlerischen Freiheit und der Neudeutung.
Fazit: Wenn der Name des Regisseurs wichtiger wird als der des Komponisten oder Autors, dann ist meistens die Inszenierung im Eimer. Warum gibt es seit Jahrzehnten keine zeitgenössischen Komponisten von Rang eines Mozart, Verdi, Puccini, Richard Strauss und Wagner, der die aktuellen Probleme auf die Bühne komponiert? Wo sind die Meister? Wo sind sie, die komponierenden Genies der Gegenwart? Fehlanzeige. Da nimmt man sich lieber die Klassiker und Romantiker vor und bürstet sie total gegen den Strich. Wagner rief einmal: „Kinder, schafft Neues“. Der Ruf sollte heute wieder erschallen, er sollte dafür sorgen, den Regisseuren Werke von Komponisten an die Hand zu geben, die heutige Themen beinhalten: Energiewende, Tsunami, Hunger in der Welt, Korruption, Bankenmacht, Terrorismus, Kinderschändungen, Massenmord. Die Welt, in der wir leben, ist nicht besser geworden. Sie auf der Bühne zeitgemäß zu beschreiben – das wäre doch eine lohnende Aufgabe für die Garde der modernen Komponisten.
Teure Ferkeleien gefährden Genre
Die Frage ist: Wer will das wirklich sehen, was uns in diesem Festspielsommer (und auch sonst) geboten wurde? Orkanartige Buhrufe prallen an den Egomanen ab. Will der Zuschauer – wie in der Essener Götterdämmerung – eine alte Frau (in der Rolle der Erda) nackt erleben? Wo sind die wirklichen Erneuerer wie einst Wieland Wagner? Opas Oper ist noch nicht tot, aber auf dem besten Weg dahin. Den Sponsoren ist nicht zu verübeln, dass sie ihre Spendenfreude bei solchen Produktionen zügeln. Hier geht es nicht um künstlerische Freiheit, um Zensur oder Maulkorb – hier geht es um die Zukunft eines ganzen Genres. Eine kostspielige Ferkelei jagt die andere. Und nebenbei: Was sollen die nackten Hintern noch auf der Bühne? Jeder kann sie sich im Internet bequemer runterladen. In den 1960er Jahren gehörten sie in die Bürgerschreckwelt der 68er-Bewegung. Doch auch das hat längst einen Bart. Was soll ein nackter Hintern uns noch mitteilen? Nur gut, dass man mit ihm nicht singen kann – oder muss! Wulf Mämpel ist stellvertetender Chefredateur des LION