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....und dann war kein großes Schiff da! Zum Workshop „Flucht-Migration-Integration-Vielfalt der Gesellschaft“ beim KDL in Bamberg

Über 50 Lions hingen gebannt an den Lippen von Javad Ahmadi, als er über seine Flucht mit Hilfe von Schleusern aus dem Iran berichtete. Beim Workshop „Flucht-Migration-Integration-Vielfalt der Gesellschaft“ des AK Integration schilderte er noch einmal seinen Weg und Werdegang:

Der 1989 im Iran geborene Javad ist afghanischer Abstammung; seine Eltern flüchteten 1979 vor den einmarschierenden Sowjets und beantragten politisches Asyl. Afghanen leben im Iran als Menschen zweiter Klasse – ohne Arbeitserlaubnis, mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit und anderen Benachteiligungen. Javad geriet ohne sein Wissen während der Schulzeit in einen Freundeskreis, der unter Beobachtung und Verfolgung der Sicherheitsorgane stand. Als Freunde verhaftet wurden, rieten die Eltern zur Flucht und finanzierten sie. Eine nächtliche 8-stündige Bergwanderung mit Schleusern führte in ein kleines Dorf in der Türkei, danach folgte eine 12 ungewisse Stunden dauernde Transitfahrt in Lkws gemeinsam mit  ca. 40 anderen Flüchtlingen aus Afghanistan und dem Iran nach Istanbul. Von dort sollte die 10.000-Dollar-Reise dann mit einem kleinen Boot weitergehen- vom Strand zu einem großen Schiff, das die Flüchtlinge übernehmen sollte. Nach 2 Tagen stellte sich heraus, dass es dieses Schiff nicht gab. Dann streikte der Motor des Bootes. Der Schleuser wollte mit einem Schlauchboot fliehen, konnte aber überwältigt werden. Einige der unter Deck eingeschlossenen wurden vor Durst und Hunger bewusstlos. Aus Angst vor Entdeckung war der Aufenthalt an Deck nur für jeweils zwei Personen erlaubt. Eine Passagierin konnte mit ihre Handy Hilfe holen – die griechische Polizei ortete und rettete sie.

Athen erreichten die Flüchtlinge per Schiff und wurden dann nach München ausgeflogen. Javad Ahmadi landete ohne Papiere zunächst im Aufnahmelager Zirndorf. Später kam er nach Kulmbach, wo er eineinhalb Jahre blieb. Er hatte Glück, dass sich eine Ärztin um ihn kümmerte. Die Schwierigkeiten in einem Wohnheim traten plastisch zutage: Javad wurde beim Deutsch lernen gestört, die Fernseher der anderen Zimmerbewohner liefen bis weit in die Nacht. Er suchte die Stadtbibliothek auf, wo er tagsüber ungestört lernen konnte. Ein Antrag, die Vorklasse der Fachoberschule im 60 Km entfernten Bamberg besuchen zu dürfen, wurde genehmigt – aber es bestand eine Residenzpflicht für Kulmbach. Da ein Umzug nicht erlaubt wurde, blieb nur der Kauf einer Monatskarte für 180 €. Zu teuer bei 135 € Taschengeld! Die Annahme eines Jobs bei McDonalds wurde nicht genehmigt – also arbeitete er als 1 E-Jobber und putzte nach seiner Rückkehr von der Schule und 2-std. Deutschunterricht noch das Flüchtlingsheim. Trotz des Ärgers mit den anderen Bewohnern, die versuchten, ihm dies schwer zu machen, indem sie in frisch gereinigten Bereichen ihre Mülleimer entleerten.

Ein Angebot des Präsidenten des LC Bayreuth-Kulmbach, Jörg Neumann, die Fahrkosten zu übernehmen, lehnte er ab. Er wollte sich selbst durchschlagen. Kulmbacher Lionsfreunde intervenierten gegen die Residenzpflicht. So konnte Javad nach Nürnberg umziehen, wo er nach über 3 Jahren Wartezeit eine Lehre zum Energie- und Gebäudetechniker absolviert. Sein Ziel ist der Meisterbrief. In seiner Freizeit hilft er  iranischen Flüchtlingen und erteilt Deutschunterricht. DG Jörg Neumann hat inzwischen auch Kontakte zu den Leos hergestellt.

Und die rechtliche Situation? Javad ist in Deutschland nur geduldet. Ein Asylverfahren wurde abgelehnt, weil seine Eltern aus Afghanistan stammen. Das Geburtsland Iran ist nicht ausschlaggebend – als Iraner wäre er als Asylant längst anerkannt. So hofft er, auch weiterhin nicht nach  Afghanistan, wo er nie gelebt hat,  abgeschoben zu werden.

Den Workshop bereicherte Jana Heine aus Bamberg, die ehrenamtlich Flüchtlingsheime betreut und den Lions aufzeigte, dass auch individuelle Hilfen sinnvoll und möglich sind.

Dr. Kamal Eslam stellte eindrucksvoll Ursachen für Migration, Erwartungshaltung der Flüchtlinge und Notwendigkeit einer Willkommenskultur in Deutschland dar.

Wolf Rieh

 

Anlagen:

Integrationsactivitys aus den Distrikten
111 NB
111 NW
111 SN

Präsentationen:

Einführung (Dr. Wolf Rieh)

Ehrenamtliches Engagement „Freund statt fremd“ (Jana Heine)

Erwartungshaltung und Willkommenskultur (Dr. Kamal Eslam)