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Kantine geschlossen - Mitarbeiter darben Brezeln, Pizza und Lasagne: eine schwäbische Activity sorgt für Aufsehen

    Autor: Roland Eitel      Mo., 22. Juni. 2020

Vor der Notaufnahme des Ludwigsburger Klinikums nimmt Prof. Dr. med. Markus Arand (zweiter von links) für das Pflegepersonal vom Activity-Beauftragten Andreas Rohacker (l.) 60 Pizzas für das Pflegepersonal entgegen. Foto: Delf Henning

Wenn nicht jetzt - wann dann? Unter dem Titel „Friday for nurses“ startete der Lions-Club Ludwigsburg-Favorite schon Mitte März eine lokale und regionale Hilfsaktion, die für großes Aufsehen sorgte. Der Zeitpunkt war die richtige, das Thema war das richtige, die Aktion dem Club wie auf den Leib geschneidert - und somit war auch die richtige Aufmerksamkeit garantiert. Kern der Activity: Jeweils freitags wurde und wird das Pflegepersonal des Klinikums Ludwigsburg vom Lions-Club versorgt - zum Auftakt gab es 60 Pizzas. Thomas Hunke, Präsident des Clubs, machte von Anfang an deutlich: „Wir wollen damit ein Zeichen setzen.“

Diese Rechnung ist aufgegangen, die Zeichen waren seh- und auch spürbar. Activity-Beauftragter Andreas Rothacker: „Wir wollen mit dieser Activity nicht nur Hilfe leisten, sondern wir wollen vor allem auf die schwierige Situation dieses Berufsstandes aufmerksam machen.“

Die Zutaten für die Activity waren im Club in idealer Weise gegeben: Man nehme Ärzte und Professoren, die Lions-Freunde sind und im Klinikum arbeiten, ein Gastronom, der im Club ist, einen Öffentlichkeitsarbeiter, der Mitglied ist und weitere kompetente Lions-Freunde, die ein Projekt umsetzen können.

Gleich am ersten Freitag, am 20. März, als die Zahl der Corona-Kranken in Ludwigsburg noch unter der Mitgliederzahl des Clubs lag, man aber aufgrund der Ärzte im Club wusste, was auf die Stadt und das Klinikum  zukommt, lieferte der vom Lions-Club beauftragte Pizza-Express punkt 14 Uhr 60 Pizzas an der Notfall-Aufnahme ab, wo sie ohne jegliche Gefahr der Ansteckung entgegengenommen wurden. Professor Dr. med. Markus Arand, Ärztlicher Direktor des Klinikums und Past-Präsident des Clubs: „Das war eine herausragende Idee und ein großartiges Zeichen der Wertschätzung in schwierigen Zeiten für die Mitarbeiter des Pflegepersonals, die sich unter Risiko des eigenen leiblichen Wohles aufopferungsvoll um Erkrankte kümmern.“ Nicht nur die Mitarbeiter, die wegen Ansteckungsgefahr nicht mehr in der Mensa Mittagessen dürfen, freuten sich über diese Überraschung.

„We serve“ - dieses Motto konnte der Lions-Club Ludwigsburg Favorite, der schon Vorreiter beim Hörtest für Neugeborene war und sich in den vergangenen Jahren vor allem um Lions Quest bemüht hat, im Jahr nach dem 50-jährigen Jubiläum hervorragend in die Praxis umsetzen. Noch vor Ort erfolgte die Zusage für fünf weitere Freitag-Pizza-Lieferungen und auch die angestrebte Suche nach Nachahmern hatte umgehend Erfolg. Am folgenden Donnerstag lieferte ein lokaler italienischer Gastronom 60 Portionen Pasta, ein anderer sagte für die folgende Woche sofort 60 Portionen Lasagne zu. Jürgen Klinsmann wurde über sein Management auf die Aktion aufmerksam und spendete sofort 400 Brezeln aus der familieneigenen Bäckerei an das Krankenhaus Göppingen, in dem er geboren wurde und der Bundesliga-Trainer Markus Gisdol (1. FC Köln) im gleichen Zuge 60 Pizzas an sein „Heim-Krankenhaus“ in Geislingen.

Und auch innerhalb des Lions-Club Ludwigsburg-Favorite ging die Erfolgsgeschichte weiter. Familie, Freundschaft, Netzwerk - der Lions-Club zeigte sich von seiner besten Seite. Kinder von Lions-Freunden aus Ludwigsburg engagierten sich - und schickten mehr als 300.000 Flaschen einer gesunden Trinknahrung zur Stärkung für das Pflegepersonal an Krankenhäuser der Region München. Ein Stein kam ins Rollen - und es wurde schon nach wenigen Tagen zu einer kleineren Lawine.

Was kann Lions? Was kann Familie? Was kann ein Netzwerk? „In Zeichen der Krise erkennt man den Charakter“ sagte der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal und es zeigte sich jetzt nicht nur der Charakter der einzelnen Menschen, sondern es zeigte sich vor allem die Stärke einer Organisation, wie sie ein Lions Club nun mal ist. Wie kaum eine andere Organisation hat ein Lions-Club solche Möglichkeiten, weil er in den verschiedensten Bereichen einer Stadt vertreten ist.

Natürlich gibt es in unserer weltweiten Organisation Activitys, bei denen ein Vielfaches an Geld umgesetzt wird. So gesehen war es eher eine typisch schwäbische Activity, die den Club gar nichts kostete: Die Club-Kasse von Ludwigsburg-Favorite wurde in den ersten Schritten gar nicht belastet, weil einzelne Club-Mitglieder jeweils eine Pizza-Lieferung übernahmen und alle Nachahmer ihre Kosten ohnehin selbst tragen. Aber die Schwaben sind eben auch Tüftler, Netzwerker und Vorreiter in vielen Bereichen. Activity-Beauftragter Andreas Rothacker: „Natürlich kann jetzt nicht unkontrolliert jeder irgendwo auftauchen und helfen wollen, aber wenn man die Dinge abspricht und koordiniert, gibt es genügend Möglichkeiten“. Wichtig war bei der Struktur, dass man einen Verantwortlichen vor der Tür (Essen, Lieferung) und einen Verantwortlichen hinter der Tür (Verteilung) hat.

Gerade in diesen Zeiten, die man noch vor wenigen Wochen für unvorstellbar gehalten hatte, will sich der Lions-Club Ludwigsburg-Favorite auf seine Stärken, sein Netzwerk und seine Möglichkeiten besinnen. „Jetzt muss die Gesellschaft zusammenstehen, jetzt sind auch Organisationen wie Lions-Clubs gefragt“, sagte Präsident Thomas Hunke. Denn: Wenn nicht jetzt - wann dann?

Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des Autors wieder, die nicht zwingend mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen muss.

Online gestellt von: Andreas Bartosch
Letzte Änderung: Mo., 22. Juni. 2020 07:00