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Hinweis

Dies ist der zweite Teil des im LION 12/2015 erschienenen Artikels. Hier gelangen Sie zum ersten Teil des Artikels.

Nicht Mitleid, sondern Arbeit

Seit einer Reihe von Jahren ist ein neuer Partner in Afrika aktiv geworden, die Volksrepublik China. Für neue Ministerien, Kongresszentren oder auch Verkehrsverbindungen erwirbt China Schürfrechte für Koltan, Mangan, Kupfer und Öl oder auch landwirtschaftliche Flächen. Ausschließlich an wirtschaftlichen und strategischen Interessen ausgerichtet, ist diese Politik besonders erfolgreich, weil China angeblich „mehr Achtung vor kulturellen Unterschieden“ zeigt, d. h. nach dem Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten auch beste Kontakte zu den brutalsten Despoten pflegt. Aber die Entwicklung der afrikanischen Partner scheint ebenso wenig das Anliegen zu sein.

Schauen wir auf die Lions-Aktivitäten, an denen HDL, Christoffel-Blindenmission, BMZ und über den Spendenmarathon auch die RTL-Stiftung beteiligt ist, dann haben wir durchaus Grund zum Selbstbewusstsein. Die Augenkliniken und die damit verbundenen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und der Ausbildung von Fachpersonal sind auch mehr als zehn Jahre nach der Gründung unverändert erfolgreich aktiv. Große Verdienste erwerben sich auch Schulen und Bildungseinrichtungen, die mit Hilfe europäischer Lions errichtet oder ausgebaut wurden.

Aber: werden junge Menschen aus Regionen mit Hunger, Dürre, Bürgerkrieg oder auch nur äußerster Armut von der Flucht abhalten lassen, nachdem sei eine Augen-OP oder eine gute Schulausbildung genossen haben? Wohl kaum. Und aus Subsahara-Afrika fliehen immer wieder gebildete, intelligente und aktive junge Menschen. Menschen die für die Entwicklung ihrer Länder dringend gebraucht werden.

Was können, was sollten wir tun?

Einfach weitermachen wie bisher, das geht wohl nicht. Nichts tun ist erst recht keine Lösung. Trotzdem sollten wir uns als Lions immer wieder fragen, ob wir neue Ideen entwickeln, ob wir etwas besser machen können.

Medizinische Projekte entwickeln sich oft zuerst aus der christlich-abendländischen Tradition von Charity, sind aber auch umstritten, weil sie allein kaum zur Verbesserung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungskreise beitragen.

Bildung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber es gibt inzwischen nicht wenige gut ausgebildete Afrikaner, die in ihren Ländern keine angemessene Arbeit finden und genau deshalb nach Europa streben. Cheikh Maba Bengue, Gymnasiallehrer aus dem Senegal, erklärte kürzlich im Deutschlandfunk, dass viele junge Menschen lieber auf dem Weg nach Spanien sterben als arbeitslos in ihrer Heimat zu bleiben. Die jungen Menschen brauchen schlicht Geld! Und zu den notwendigen Perspektiven gehört, dass sie in der Lage sein müssen, es selbst in einem stabilen Umfeld zu erarbeiten.

Kein Samaritertum!

Wenn wir unsere afrikanischen Freunde als gleichberechtigte Partner ernst nehmen, dann führt das uns weg von der klassischen Charity. Gleichberechtigung heißt gleiche Rechte aber auch gleiche Pflichten. „Das Samariterverhalten des Nordens schwächt und zerstört die Anreize der Empfänger zu eigenen Anstrengungen. Mit unserem Dauermitleid verstärken wir nur die Sozialhilfementalität, die in manchen afrikanischen Staaten schon chronisch ist.“ (Volker Seitz, Afrika wird armregiert, dtv München 2009, S. 86). Wir sollten also nach Projektideen suchen, die möglichst vielen jungen Afrikanern eine Aussicht auf ein aktives und auskömmliches Leben in ihren Heimatländern eröffnen und das auf der Basis ihrer eigenen Arbeit. Hierfür gibt es Vorbilder: unter dem Namen „Amitié Villages“ haben französische Lions einen Verein gegründet, der bereits in vielen frankophonen Ländern Afrikas aktiv ist. Arbeitsschwerpunkt ist der ländliche Raum. Hier gilt es, die Abwanderung junger Menschen in die Städte zu stoppen und ihnen attraktive Aussichten in ihrer ländlichen Heimat zu eröffnen. Dabei wird „Amitié Villages“ nur aktiv auf Wunsch aus Afrika. Die Projekte werden ausschließlich in Zusammenarbeit mit afrikanischen Lions Clubs, Dorfbewohnern und NGOs entwickelt. Dabei geht es um Wasserversorgung, Erzeugung von Nahrungsmitteln, Ausbildung und Schule und auch Hilfe für Kinder und Jugendliche die auf den Straßen der Städte gescheitert sind.

Eine afrikanische Gründung ist „La Ferme Neglo“ in Togo, die sich neben der Produktion von Nahrungsmitteln, sondern der Ausbreitung nachhaltiger Landwirtschaft und der Ausbildung für ländliche Berufe verschrieben hat und die ländliche Armut dauerhaft bekämpfen will (www.neglo.org).

Das sind zwei Beispiele aus der Landwirtschaft. Sie wird eine zentrale Rolle spielen, denn hier gibt es die Möglichkeit, bescheidenen Wohlstand in breiten Bevölkerungsschichten zu entwickeln. Und darum muss es uns gehen. Auch in anderen Gewerbebereichen sind Initiativen möglich, die vor Ort ein auskömmliches Leben als Ergebnis von eigener Arbeit ermöglichen. Im Fokus sollte immer die Beteiligung vieler Menschen stehen. Denn dass einzelne Afrikaner - insbesondere aus der politischen Führungsschicht - geradezu märchenhaft reich geworden sind, hat der breiten Bevölkerung nicht viel genützt.

Geschenke sind möglichst zu vermeiden, weil sie selten so wertgeschätzt werden wie die Ergebnisse eigener Arbeit. Mikrokredite geben allen Beteiligten nicht nur das Recht, die ihre Ergebnisse mit Stolz zu präsentieren, sondern ermöglichen im Lauf der Rückzahlung Ausweitungen und neue Projekte.

Hilfreich wird sein, wenn die Initiativen groß und stark genug sind, auch anfängliche Misserfolge und schwierigere Zeiten zu überdauern. Dabei können genossenschaftliche Strukturen nach dem Raiffeisen-Modell nützlich sein. Sie bringen auch das Kapital zusammen, moderne Maschinen und Methoden einzusetzen.

Die Frage nach Effektivität und Nachhaltigkeit von Entwicklungsprojekten in Afrika stand auch auf der Tagesordnung des Euro-Afrika-Komitees beim Europa Forum in Augsburg. Der stellvertretende Vorsitzende Xavier de Franssu (Frankreich) und ich als deutscher Vertreter hatten im Vorfeld des Forums darum gebeten und zugleich   Vorschläge zum weiteren Vorgehen eingebracht.

In einer intensiven Diskussion stellten die anwesenden Europäer und Afrikaner fest, dass soziale Probleme und Armut wesentliche Ursachen für die Abwanderung aus vielen Ländern Afrikas darstellen und dass von diesen Problemen Frauen und junge Menschen besonders betroffen sind. In einer einstimmig verabschiedeten Resolution empfehlen sie daher, dass um der Effektivität, Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit der Projekte die europäischen Lions mit afrikanischen Clubs und Distrikten zusammenarbeiten und dabei insbesondere Jugend und Frauen in den Mittelpunkt stellen.

Damit wird auch hier eindeutig klargestellt, dass nur Afrikaner Afrika entwickeln können. Die gleichberechtigte Partnerschaft bei gemeinsamen Entwicklungsprojekten führt entsprechender Übernahme von Verantwortung und Pflichten für Afrikaner.

Warten können wir nicht

Zu Recht wird geklagt, dass viele afrikanische Regierungen korrupt oder unfähig seien, dass sie das Wohl ihrer Bürgerinnen und Bürger nicht fördern wollen oder können und dass ohne Good Governance die Hilfe in vielen Fällen nicht funktionieren kann. Aber können wir warten, bis sich die Verhältnisse überall ändern? Wohl kaum. Sicher gibt es Länder, deren Verhältnisse so schlecht sind, dass jede Mühe sinnlos erscheint und wo Helfer um ihre Sicherheit fürchten müssen. Aber es gibt auch Verhältnisse, die sich mit großer Mühe allmählich ändern lassen. Bürgerinnen und Bürger, die etwas zu verlieren haben, neigen eher dazu, ihr Eigentum zu verteidigen und Rechtssicherheit einzufordern. So kann wachsender Wohlstand breiter Kreise auch die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit begünstigen.

Aber das ist natürlich noch Zukunftsmusik. Zunächst lautet mein Plädoyer:

- Lions aus Europa arbeiten mit afrikanischen Lions und verlässlichen NGOs partnerschaftlich zusammen.

- Sie erwarten auch den Einsatz von Finanzmitteln grundsätzlich auf beiden Seiten. Ein Projekt wird dadurch vertrauenswürdiger, dass auch die afrikanischen Lions Freunde ihre Mittel darin investieren.

- Bildung und Ausbildung bleiben unverändert wichtig. Zunehmend sollten auch Projekte entwickelt werden, die die wirtschaftliche Situation einer möglichst großen Zahl von Menschen nachhaltig verbessern

- Die von einem Projekt begünstigten Menschen werden nicht einfach beschenkt, sondern erhalten Anteile in Form von Mikrokrediten und übernehmen dadurch Pflichten. Durch Abzahlung erwerben sie Eigentum.

- Da Frauen in Bezug auf Kredite häufig einen besseren Ruf haben als Männer, sind sie in geeigneter Form und Größenordnung zu beteiligen.

- Für Projekte dieser Art ist die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg ein entscheidendes Kriterium.

Einen schnellen Erfolg kann niemand versprechen. Und erst recht geht es hier nicht um eine Lösung des aktuellen Flüchtlingsproblems. Aber vielleicht wäre das ein Beitrag zur Bekämpfung von Fluchtursachen vor Ort, zumindest auf einem Kontinent.

Autor: Hermann Heinemann