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null Hochwasser-Opfer haben Angst, zur Ruhe zu kommen (31.07.2021)

Hochwasser-Opfer haben Angst, zur Ruhe zu kommen (31.07.2021)


BAD MÜNSTEREIFEL / BORKEN. Fast drei Jahrzehnte lang haben Jeannette und Bernd Bünger wie in einem Museum gelebt. Sie waren Anfang 30, als sie sich ein Fachwerkhaus im historischen Kern von Bad Münstereifel gekauft haben, direkt neben dem Flüsschen Erft. „Mein Mann hat das Haus mit meinem Schwiegervater zusammen aufwändig renoviert“, sagt Jeannette Bünger. Das Haus passt zu dem Paar wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Nebenher bieten sie in der Montur von Torwächtern Stadtführungen an. In dem herrlichen Gebäude sind ihre Kinder groß geworden, vor zwei Jahren haben sie nochmal eine neue Küche eingebaut. „Das Haus war unser Lebensmittelpunkt“, sagt die 60-Jährige. Ob sie je wieder dort einziehen können, wissen die Büngers aktuell nicht. Seit in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli das Wasser kam, ist das Haus unbewohnbar.
„Wir waren zusammen mit unserem Schwiegersohn im Haus, um zu retten, was zu retten ist“, blickt Jeannette Bünger zurück. „Aber das Wasser stieg so schnell an, dass wir dachten, der Damm sei gebrochen.“ Da war nichts mehr zu retten. Immerhin: „Von uns ist niemand zu Schaden gekommen“, sagt sie.
Über Stunden hatte es extrem geregnet, bis zu 150 Millimeter fielen pro Quadratmeter auf bereits durchnässte Böden. Die Erft, die nur rund acht Kilometer oberhalb von Bad Münstereifel entspringt, war diesen Massen nicht gewachsen und wurde binnen weniger Stunden zu einem Strom mit unheimlicher Wucht. Marita Hochgürtel, Sprecherin der Stadtverwaltung, sagt, dass es in der Historie natürlich schon Hochwasser gegeben habe. Seit in den 1950er Jahren flussaufwärts aber ein Regenrückhaltebecken gebaut wurde, sei kaum noch etwas passiert. 2006 stieg die Erft zuletzt über ihre Ufer. Ein Jahrhunderthochwasser nach damaligem Maßstab. „Da stand bei uns das Wasser 30 Zentimeter hoch im Keller“, erinnert sich Jeannette Bünger. Am 15. Juli maßen sie 1,50 Meter – im Erdgeschoss.
Wie viele Familien und ihre Häuser betroffen sind, kann Marita Hochgürtel auch zwei Wochen nach der Katastrophe nur schätzen. Als Anhaltspunkt dient die Soforthilfe des Landes NRW. 1500 Anträge seien dafür bisher eingegangen. „Das ist aber nur ein Teil der Betroffenen“, glaubt sie. Pro Haushalt gibt‘s maximal 3500 Euro, um die erste große Not zu lindern, etwa neue Kleidung zu kaufen oder eine Unterkunft zu mieten.
Aufgestockt wird das Geld von der Bürgerstiftung Bad Münstereifel – mit Unterstützung aus Borken. Die Borkener Zeitung hat zusammen mit dem Lions Club Borken eine Hilfsaktion gestartet und sammelt Spenden, die unmittelbar an die Bürgerstiftung Bad Münstereifel gehen. Laut Burkhard van Gember, Sekretär des Lions Clubs, sind seit dem Start der Aktion vor einer Woche rund 32.000 Euro an Spenden eingegangen.
„Wir haben am Samstag begonnen, die Soforthilfe aufzustocken“, sagt Dr. Waltraud Stening, Mitglied des Stiftungsvorstandes. So müsse die Stiftung selbst nicht noch umständlich den Bedarf prüfen und die Spenden kämen schnell und unmittelbar bei den Menschen an, begründet sie die Vorgehensweise. Zudem will die Stiftung von den Spenden Bautrockner anschaffen, die überall in der Region derzeit besonders dringend benötigt werden, um die Häuser überhaupt wieder bewohnbar zu machen.
Wer angesichts der nach wie vor nicht messbaren Schäden und der unzähligen menschlichen Tragödien die ganze Region voller resignierter und am Boden zerstörter Menschen wähnt, der täuscht sich gewaltig. „Ich habe in den vergangenen zwei Wochen so viele Menschen umarmt wie seit Jahren nicht“, gesteht Jeannette Bünger. „Diese gewaltige Hilfsbereitschaft, die wir jeden Tag sehen und spüren, rührt mir das Herz.“
Und damit ist sie nicht alleine. „Natürlich standen alle zunächst unter Schock“, berichtet Waltraud Stening. Die enormen Zerstörungen hat die Ärztin auch erst Stunden später gesehen, weil sie ihren Keller erstmal leerpumpen musste. Aber schon in den nächsten ein, zwei Tagen nach der Flutwelle habe sich Optimismus breitgemacht. „Da kamen immer mehr Helfer aus der ganzen Region, die sofort angepackt haben“, sagt sie, „bei dem Gedanken bekomme ich immer noch eine Gänsehaut.“
„Vor unserem Haus standen plötzlich Menschen, die wir seit Jahren nicht gesehen haben“, sagt Jeannette Bünger. Weil Brücken zerstört und Straßen unpassierbar waren, bildeten die Helfer Menschenketten, um den Schutt aus den Häusern zu holen. Stadtsprecherin Marita Hochgürtel erzählt von einer Influencerin, die über Instagram ihre Follower motiviert hat. „Dann sind sechs Busse voller junger Helfer aus dem Raum Köln gekommen“, sagt sie. Gäste eines Hotels hätten spontan „Berge von belegten Brötchen“ geschmiert und Getränke durch die Stadt getragen, um Helfer zu versorgen, berichtet Jeannette Bünger.
Weil die Aufräumarbeiten mit Unterstützung der Bundeswehr und unter der Koordination von THW und anderen Organisationen abgelaufen ist, „sieht es jetzt jeden Tag ein bisschen besser aus“, sagt Marita Hochgürtel. „Man kann zumindest wieder durch die Altstadt laufen.“ Trotzdem seien viele Haushalte ohne Strom und Gas. Mittendrin Menschen, die sich aneinander aufrichten. Waltraud Stening formuliert es so: „Wir haben zwar ein Stück Heimat verloren, aber unheimlich viel Heimatgefühl gewonnen.“
Jeannette Büngers Sorge gilt dennoch den kommenden Wochen und Monaten. Derzeit funktioniere man einfach, „aber ich habe ehrlich gesagt Angst davor, zur Ruhe zu kommen“. Dann beginnt das Nachdenken, die Zukunftsangst. „Die Welle der Hilfsbereitschaft ist jetzt riesengroß, aber wir brauchen einen langen Atem“, sagt sie. Denn nach dem Aufräumen muss irgendwann auch der Aufbau beginnen.
Gespendet werden kann auf das Spendenkonto des Lions-Hilfswerk Borken e.V. bei der VR-Bank Westmünsterland, IBAN DE64 4286 1387 0000 4440 00. Stichwort: „Hochwasserhilfe“.