Moosdinner: Klimawandel - Die große Schmelze (07.02.2019)

Moosdinner: Klimawandel - Die große Schmelze (07.02.2019)

Beim „Charity-Mahl“ lauschten etwa 130 Gäste dem Vortrag „Auf dem Weg in eine Welt ohne Eis“ von Polar- und Klimaforscher Dr. Dirk Notz (3.v.l.). Mit Speisen und Getränken versorgten zwölf Lions-Mitglieder die Gäste.

 

 

BORKEN/RAESFELD. Über die Folgen des Klimawandels sprach Dr. Dirk Notz (44) gestern Abend auf Einladung des Lions Clubs Borken anlässlich des traditionellen Moosdinners im Schloss Raesfeld. Notz leitet die Forschungsgruppe „Meereis im Erdsystem“ am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. Vorab unterhielt sich BZ-Redakteur Peter Berger mit dem Wissenschaftler.

BZ: Das Wetter ist auch nicht mehr das, was es mal war, oder?

Notz: Zurzeit geht es bei uns ja mal, aber weltweit nehmen die Wetterextreme eindeutig zu. Es vergeht kaum ein Monat, in dem wir nicht von irgendwo auf der Welt Berichte erhalten über Ereignisse, die es so früher nicht gab. Zum Beispiel waren die vergangenen zwei Monate in Australien die heißesten, die dort je gemessen wurden. Das alles deckt sich mit dem, was wir aus Klimamodellen kennen.

BZ: Wird nun jeder mitteleuropäische Sommer knapp 40 Grad heiß?

Notz: Die Entwicklung wird sich so lange weiter verschärfen, wie sich die Atmosphäre weiter aufheizt. So ein heißer Sommer wie 2018 dürfte so gesehen künftig eher die Regel als die Ausnahme werden.

BZ: Sie forschen in der Arktis. Warum gerade da?

Notz: Die Arktis ist für uns Wissenschaftler eine Art Frühwarnsystem fürs Weltklima. Die Erwärmung der Arktis ist etwa zwei- bis drei- mal stärker als in anderen Erdregionen. Das Packeis auf dem Nordpolarmeer ging in den vergangenen 30 Jahren im Sommer um drei Viertel zurück. Bleibt der CO2-Ausstoß so hoch wie jetzt, wird das letzte Viertel in den nächsten 15 bis 20 Jahren weggeschmolzen sein.

BZ: Hat das nicht auch gute Seiten, neue Seewege und kürzere Handelsrouten?

Notz: Einzelne Länder könnten tatsächlich vom Klimawandel profitieren, der weitaus größere Teil der Staatengemeinschaft wird aber gravierende Nachteile haben. Es wird Landstriche geben, die unbewohnbar heiß werden. Die Menschen dort werden sich auf den Weg in andere Regionen machen. Auch der ansteigende Meeresspiegel wird dazu beitragen.

BZ: Hat es denn nicht schon immer Klimawandel geben?

Notz: Ja. Für die Erde ist das erstmal was völlig Normales. Es gibt lange natürliche Zyklen über Hunderttausende von Jahren, die mit der Erdumlaufbahn zusammenhängen. Der jetzige Klimawandel ist aus drei Gründen ganz anders gelagert: Zum ersten Mal verursacht ein Lebewesen, wir Menschen, den Klimawandel. Das lässt sich aufgrund unzähliger Belege sehr klar zeigen. Zweitens: Dieser Klimawandel läuft wegen uns Menschen sehr beschleunigt ab, es sind eben nicht natürliche Schwankungen der Erdumlaufbahn, sondern ganz massive Eingriffe in die Zusammensetzung der Erdatmosphäre. Und drittens: Wir mit unserer hochentwickelten Zivilisation haben noch nie einen solchen Klimawandel erlebt. Die Menschheit lebt seit etwa 10.000 Jahren in einem relativ stabilen klimatischen Zustand mit minimalen Schwankungen. Es ist völlig unklar, wie unsere heutige Zivilisation damit wird umgehen können, einem solchen Klimawandel ausgesetzt zu sein. Diese Zivilisation war auch nur deswegen so erfolgreich, weil die Menschheit 10.000 Jahre lang Glück hatte.

BZ: Und jetzt nicht mehr?

Notz: Derzeit beträgt die Erwärmung etwas über einem Grad im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten. Das Zwei-Grad-Ziel ist ziemlich schwer zu erreichen, aber rein physikalisch ist das möglich, wenn man die Emissionen entsprechend zurückfährt, idealerweise auf Null. Auch die ehrgeizigere Marke von 1,5 Grad ist theoretisch möglich. Aber Physik ist das eine, die Psychologie des Menschen das andere.

BZ: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos?

Notz: So könnte man das sagen. Eine gewisse Hoffnung macht mir, dass in der Wirtschaft die Einsicht immer stärker zu werden scheint, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum keine gegensätzlichen Pole sind. Einzelne Staaten können und sollten sich auch als Vorreiter positionieren. Man sieht das in Ansätzen in China. Das überspringt sozusagen das Knowhow des Verbrennungsmotors und will komplett auf die Produktion von E-Autos setzen. Eine klimaschützende Gesellschaft hat praktische Vorteile, so dass wir möglicherweise doch noch rechtzeitig umsteuern können. Ich hoffe, dass das als große intellektuelle ingenieurstechnische Herausforderung gesehen wird, wie wir das schaffen können, den Lebensstandard zu halten und zugleich unseren CO2-Fußabdruck deutlich zu verringern.

BZ: Fällt da das persönliche klimaschädliche oder -freundliche Verhalten überhaupt ins Gewicht?

Notz: Der Beitrag von jedem Einzelnen ist gar nicht mal so klein. Das ist beim arktischen Packeis gut messbar. Wir haben das in einer Studie mal umgerechnet: Pro Tonne CO2, die jeder verursacht, schmelzen drei Quadratmeter Packeis. Jeder Deutsche lässt also pro Jahr 30 Quadratmeter schmilzen, 80 Millionen Deutsche bringen es leider schon auf 2400 Quadratkilometer. Jeder von uns hat es also ein bisschen selbst in der Hand.

BZ: Wäre es trotzdem nicht effektiver, wenn Klimaschutz auf internationaler staatlicher Ebene vorangetrieben wird?

Notz: Es ist beides wichtig: privates Umdenken und Handeln und staatliches. Ich sehe Deutschland in einer Vorbildrolle. Wenn Deutschland beweist, dass ihm die Energiewende als Industrieland gelingt, dann wäre viel gewonnen. Energiewende ist übrigens ein Begriff, der schon in den englischen Sprachraum eingegangen ist.

BZ: Deutschland als Öko-Moralapostel?

Notz: Ich bin kein Freund von erhobenem Zeigefinger und „Ihr müsst jetzt alle...“. Ich sträube mich auch gegen die Befürchtung, dass Klimaschutz bedeutet, dass wir alle wieder auf den Bäumen leben müssten. Das wäre eine Option (lacht), aber besser wäre es doch, mit neuen Technologien umzusteuern. Das wäre dann übrigens ein Grund, weiter Made in Germany zu kaufen. Und es sollte rüberkommen, dass Klimaschutz auch ein Gewinn an Lebensqualität bedeutet, wenn beispielsweise die Luft in unseren Städten besser würde, mal ganz unabhängig von der aktuellen Stickoxid-Debatte. Und zum Stichwort CO2-Steuer: Es geht nicht darum, Bürger mehr zu belasten, sondern darum, umweltschädlichere Produkte und Verhaltensweisen zu verteuern und umweltfreundlichere günstiger zu machen.

BZ: Nochmal zurück zum persönlichen Lebenswandel: Wie bemühen Sie sich als international tätiger Forscher, Ihre CO2-Bilanz klein zu halten?

Notz: Es ist immer ein individuelles Abwägen und permanenter Kompromiss. Zu Konferenzen in Europa nehme ich die Bahn. Konferenzen in Übersee sage ich häufig ab. Wenn ich fliege, dann überlege ich mir, ob dieser Flug durch die Erkenntnisse, die ich bei der Forschertagung entweder gewinne oder beitrage, wieder wettgemacht wird.

BZ: Im Internet gibt es CO2-Rechner und Plattformen, auf denen man seinen CO2-Verbrauch durch Spenden an Öko-Projekte ausgleichen kann. Was halten Sie davon?

Notz: Es ist allemal besser, als nichts zu tun. Es schafft Bewusstsein dafür, wieviel CO2 man mit welcher Aktivität freisetzt.

BZ: Greta Thunberg, eine 16-jährige Schülerin aus Schweden, sorgt mit ihrem „Schulstreik fürs Klima“ derzeit weltweit für Aufsehen. Was halten Sie von dieser Form des Protests?

Notz: Ich finde das wunderbar, was Greta macht. Es ist notwendig und sinnvoll. Ich habe nur ein bisschen die Sorge, dass Loben für Greta ein Feigenblatt ist. Es kostet überhaupt nichts, sich als Politiker hinzustellen und das toll zu finden. Es beruhigt das Gewissen. Dem Klima ist das aber herzlich egal. Die Politiker müssen anfangen zu handeln, wenn sie den Klimawandel ernsthaft stoppen wollen. Doch dabei sind durch Greta bisher keine konkreten Veränderungen zu sehen.

BZ: Verstehen Sie Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen?

Notz: Ich versuche es. Denen geht es nicht um eine wissenschaftliche Debatte. Es gibt kaum Studien, die eine solche Sichtweise stützen. Das Thema Klima scheint mir als Nebenschauplatz für etwas anderes, Unterschwelliges benutzt zu werden. Das Leugnen des Klimawandels erscheint mir häufig eher ein Protest gegen das Gefühl zu sein, fremdgesteuert zu werden und den eigenen Lebensstil in Frage gestellt zu sehen. Ich kann gut verstehen, dass man sich nicht vorschreiben lassen möchte, wie man zu leben hat. Daher bemühe ich mich darum, die wissenschaftlichen Grundlagen verständlich zu kommunizieren. Die jeweiligen Folgerungen aus den wissenschaftlichen Tatsachen muss dann jede oder jeder für sich ziehen.