angle-left Not ist, wenn drei Euro am Tag reichen müssen (05.12.2015)

Not ist, wenn drei Euro am Tag reichen müssen (05.12.2015)

BORKEN. „Nachbarn helfen“ – Die Borkener Zeitung und der Lions Club nehmen das wörtlich und unterstützen Menschen aus Borken und Umgebung, die in Not geraten sind. Einen davon stellt die BZ heute vor.
„Bitte nicht meinen Namen nennen“, sagt der 52-Jährige. Er sei Borkener. Und weil sich in Borken viele kennen, könne man ihn wiedererkennen. Dann erzählt er seine Geschichte: Die vergangenen Jahre seien der Horror gewesen. Krankheit, Jobverlust, Scheidung. Aus dem Kopf sei ihm ein Tumor – kirschgroß – entfernt worden. „Das war nicht die einzige Baustelle“, sagt er achselzuckend. Bandscheibe, Diabetes, Bluthochdruck – eins kam zum anderen. Folge der Hirn-OP: ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Fürs nächste Jahr zeichnet sich ein kleiner Silberstreif ab: die Kur ist bewilligt.
Seine Arbeit in der Fabrik war er eines Tages los. „Ich habe über 30 Jahre gearbeitet, ich war nicht faul“, betont der Mann. Inzwischen ist er Frührentner. Das Budget ist schmal, sehr schmal: 748,92 Euro bekommt er jeden Monat überwiesen. Davon gehen ab: 370 Euro Miete für seine Mansardenwohnung, 60 Euro Strom, 35 Euro für Rezeptgebühren, 60 Euro für Versicherungen, 50 Euro für die Kinder – 80 Euro schließlich stottert er an Schulden ab. Bleiben unterm Strich: rund 90 Euro im Monat. Macht drei Euro am Tag.
Neulich auf dem Amt sei ihm fast der Kragen geplatzt. Bei der Berechnung der Grundsicherung habe sich herausgestellt, dass er zusätzlich zu seiner Frührente nur knapp 25 Euro vom Staat bekommen würde. „Würden Sie mit dem Geld auskommen?“, hätte er den Sachbearbeiter gefragt. Dessen Antwort sei „einfach nur dreist“ gewesen: „Das brauch‘ ich nicht, ich geh’ arbeiten“, hätte der gesagt. Als ob er das mit Absicht tun würde, nicht mehr arbeiten zu gehen. Nein, er wolle nicht jammern. Es gebe sicher viele Menschen auch in Deutschland, denen es „richtig beschissen“ gehe. „Da bin ich froh über das, was ich habe“, sagt der 52-Jährige.
Er hat sich arrangiert. An Lebensmitteln kaufe er konsequent die Angebote vom Discounter – nachdem er die wöchentlichen Prospekte ausgewertet hat. Die Möbel hat er vom Roten Kreuz, auch seine Mutter habe ihm unter die Arme gegriffen. Aber so was wie gesellschaftliches Leben kennt er nicht mehr. Einfach mal im Café eine Tasse Kaffee trinken – schön wär’s, aber allein davon wären die drei Euro, sein „Tagessatz“, schon mehr oder weniger fast aufgezehrt. Knobelclub, das war einmal. Er könne ja nicht seine alten Kumpel anpumpen – wenn die überhaupt noch was von ihm wissen wollten. Der Zuschuss von „Nachbarn helfen“ sei gerade zur rechten Zeit gekommen. So könne er seinen Kindern zu Weihnachten noch eine Freude machen. „Danke für die Hilfe“, sagt er zum Abschied und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
E Spenden sind nach wie vor willkommen. Bei der VR-Bank Westmünsterland haben die Borkener Zeitung und der Lions Club ein Spendenkonto eingerichtet: IBAN DE 0542861 3870000012345