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Wer war Hannah Arendt?

Hannah Arendt wird 1906 in Hannover-Linden als Tochter jüdischer Eltern geboren und wächst ab 1910 in Königsberg auf, erlangt nach Schulverweis wegen Aufbegehrens 1924 als Externe das Abitur und studiert Philosophie, Theologie und klassische Philosophie u. a. bei Heidegger, Husserl und Jaspers. 1933 wird sie aufgrund einer Dokumentation antisemitischer Äußerungen kurz inhaftiert, geht daraufhin für acht Jahre nach Paris und kann schließlich 1941 in die USA emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod 1975 in New York lebt und dort zunächst als Lektorin, später als Professorin für Politische Theorie arbeitet.

Totalitarismus verhindern

Wegweisend und von erschreckend aktueller Bedeutung sind ihre Studien, die die Ursachen für den Zusammenbruch ethischer und politischer Maßstäbe durch die Totalitarismen der 30er und 40er Jahre aufzeigen. Ihre erklärte Absicht ist es, den gesellschaftlichen Strukturrahmen und die Mechanismen für diesen Zivilisationsbruch kenntlich werden zu lassen, um künftig vorbeugen zu können.

Von daher ist Arendts Aussage im Interview mit Günter Gaus motiviert: Geburtshaus von Hannah Arendt in Hannover-Linden

„Ich will verstehen.“

Solch rückhaltlosem Verstehenwollen widmet sich Arendts große Untersuchung „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1955e).

In dieser dreistufig analysierenden Studie über die historische Entstehung von Antisemitismus, Imperialismus sowie von totaler Herrschaft entwickelt Arendt anhand gemeinsamer Strukturmerkmale von Nationalsozialismus und Stalinismus die These, dass sich totalitäre Herrschaft von diktatorischer oder tyrannischer Herrschaft qualitativ unterscheidet. Demnach sind die besonderen Merkmale des Totalitären: a) Umwandlung von gesellschaftlichen Gruppen in fanatisierte, „von innen her“ zu beherrschende und terrorisierte Massen; b) daraus resultierend die Beseitigung von Gruppensolidarität zugunsten absoluter Führertreue; c) insofern freie Bahn für millionenfaches, rationalisiertes, bürokratisch verwaltetes Morden; d) zuarbeitende Denunziation und umwertende Verherrlichung von bedingungslosem Gehorsam und von Vernichtungslagern zu einer historischen Notwendigkeit, an der mitzuarbeiten als ehrenhaft deklariert wird.

Entfremdung und Entwurzelung des modernen Menschen

Als wesentliche Ursache für die Anziehungskraft totalitärer Bewegungen auf den modernen Menschen nennt Arendt eine „zunehmende Verlassenheit“. Die werde erzeugt durch „überflüssiges“ Kapital und „überflüssig gewordene“ Menschen. „Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen.“1 Mitgerissen „in eine entfesselte Bewegung“ werde das „eiserne Band des Terrors“ des totalitären Herrschaftsapparats als letzte Rettung aus Entfremdung und Entwurzelung empfunden. Solcher Entwicklung entgegen gelte es, stets neue Anfänge zu denken und dafür zu sorgen, dass sich alles Denken stets unvoreingenommen der Wirklichkeit stellt und entgegenstellt.

Öffentlichkeit wagen

Bereits das Vorwort zu „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1967) umreißt eine Maxime des Arendtschen Denkens: „Begreifen bedeutet, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenzustellen.“ Dabei ist laut Hannah Arendt jedoch nicht stehenzubleiben: „Gewonnen wird die Humanität nie in der Einsamkeit und nie dadurch, daß einer sein Werk der Öffentlichkeit übergibt. Nur wer sein Leben und seine Person mit in »das Wagnis der Öffentlichkeit« nimmt, kann sie erreichen, wobei er riskieren muß, etwas zu zeigen, was nicht »subjektiv« und eben darum für ihn weder erkennbar noch verfügbar ist. Dadurch wird »das Wagnis der Öffentlichkeit«, in dem die humanitas gewonnen wird, ein Geschenk an die Menschheit.“2

Solche Öffentlichkeit zu wagen, bemüht sich der Lions Club Hannover Hannah Arendt.

 

1  H. Arendt im Gespräch mit Günter Gaus am 28.10.1964: http://www.youtube.com/watch?v=Ts4IQ2gQ4TQ, Transkript abrufbar unter http://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/arendt_hannah.html.

2  H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, S. 978

Fotos: Bernd Schwabe, Hannover, CC-BY-SA 3.0 Geburtshaus von Hannah Arendt in Hannover-Linden und Stadttafel am Geburtshaus.