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Telemedizin in Ruanda

Telemedizin in Ruanda

Eines der neuen Ultraschallgeräte, die Dr. Frank Höltermann nach Ruanda brachte, im Einsatz bei der Untersuchung eines elfjährigen Mädchens, bei dem ein Herzfehler vermutet wird.

Lions Club Heppenheim finanziert Pilotprojekt

Auf der Plastik-Matratze  liegt Marie-Aurore, 11 Jahre.  Die Eltern, arme Bauern von einem der Hügel im Gakenke Distrikt, haben ihre Tochter ins Krankenhaus von Ruli gebracht. Das Krankenhaus, finanziert mit Spendengeldern aus Kaiserslautern, ist  nicht nur mit Schwestern und Pflegern, sondern mit richtigen Ärzten ausgestattet. Marie-Aurore kann nicht mehr richtig atmen. Die jungen Allgemeinärzte sind zunächst ein bisschen ratlos. Sie vermuten einen Herzfehler. Das handygroße Ultraschallgerät, das Dr. Höltermann der Klinik mitgebracht hat, zeigt rasch das Problem. Normalerweise hätte man Marie-Aurore einem Kardiologen des Landes vorstellen müssen, aber davon gibt es in Ruanda nur 6, und die arbeiten in der Hauptstadt Kigali. Vor gut einer Woche hat die Regenzeit eingesetzt wie meistens im April. Dann verwandeln sich die holprigen Lehmwege in gefährliche Schlammpisten, ein Transport in die Hauptstadt dauert dann einen halben Tag. Das Geld für den Transport haben die Eltern nicht,  ganz zu schweigen von den Übernachtungskosten in der Metropole. Um in solchen Fällen schnell, effektiv und kostengünstig helfen zu können, engagiert sich Dr. Frank Höltermann und der Lionsclub Heppenheim mit dem Pilotprojekt Telemedizin in Ruanda.

 

Ruanda, „Land der tausend Hügel“

Ruanda ist ein kleines Land in Ostafrika, etwa so groß wie Hessen. Es ist ein hochgelegenes, sehr hügeliges Agrarland mit abgelegenen Gebieten und schwierigen Transportwegen. Nur einige wenige geteerte Straßen durchziehen das Land. Die gesundheitliche Versorgung der 12 Millionen Einwohner erfolgt durch etwa 500 Gesundheitszentren, die in der Regel von Krankenschwestern/pflegern geleitet werden. Daneben gibt es in größeren Ortschaften 42 Provinz- bzw. Distriktkrankenhäuser und 5 Referenzkrankenhäuser mit universitärem Standard. In den Distriktkrankenhäusern arbeiten Allgemeinärzte, die auch einfache chirurgische Eingriffe und Kaiserschnitte durchführen können. Auf einen Arzt in Ruanda kommen etwa 12.000 Einwohner.

Vor allem die prekäre medizinische Versorgung hat Dr. Frank Höltermann, ehemaliger Chefarzt der Kardiologie der GRN-Klinik Weinheim,  berührt und beschäftigt. Viel häufiger als in Deutschland sind in Ruanda Menschen an einer diffusen Herzschwäche, einer sog. dilatativen Kardiomyopathie, erkrankt, die sehr gut mit Ultraschall erkennbar ist. Diese wie auch eine Herzschwäche durch den weit verbreiteten hohen Blutdruck kann mit Medikamenten, die in Ruanda vorhanden sind, gut behandelt werden. Komplizierte und unklare Fälle aber mussten bislang immer noch zu den Kardiologen nach Kigali überstellt werden. Um diese schwierigen und aufwendigen Transporte zu vermeiden, und rasch nach erfolgter Diagnose vor Ort mit Medikamenten zu helfen, entstand die Idee mit der Telemedizin.

 

Erste telemedizinische Versuche

Angeregt durch erste telemedizinische Versuche bei Notarzteinsätzen im Odenwald hat Dr. Höltermann vor 6 Jahren in einem abgelegenen Gebiet im Norden Ruandas die Idee entwickelt, die medizinische Versorgung durch Telemedizin zu verbessern, insbesondere bei kardiologischen Notfällen. Inspiriert und ermutigt wurde er auch durch die rasante, technische Entwicklung Ruandas einschließlich einer Glasfaservernetzung. Er installierte 2012  zwei Internet-fähige EKG-Geräte und ein kleines Ultraschallgerät, nicht viel größer als ein Smartphone . Die aufgezeichneten EKGs sowie die kleinen Ultraschallfilme, die das schlagende Herz mit der Funktion der Herzklappen – auch in Farbe – zeigen, kann problemlos via Internet verschickt werden. Das EKG kann helfen, als Ursache für die häufigen Schlaganfälle sog. Vorhofflimmern zu erkennen. Bei der Befundung und die daraus sich ergebenden Therapieempfehlung hat Dr. Höltermann  zunächst via Internet von Deutschland aus geholfen. Die Geräte, damals von den Lions Clubs Heppenheim, Weinheim, Viernheim und Rimbach finanziert, arbeiten nach wie vor einwandfrei ohne technische Probleme und die Übermittlung der EKGs und Filmsequenzen nach Deutschland verlief ohne Probleme.

 

Aktuelle Entwicklung

Auch die Gesundheitsministerin Ruandas, Kinderärztin Dr. Diane Gashumba, interessiert sich für das kardiologische Pilotprojekt von Dr. Frank Höltermann (Mitte), der in Begleitung von Dr. Richard Auenheimer (rechts), den Präsidenten des Partnerschaftsvereins RheinlandPfalz/Ruanda, nach Afrika gereist war.Vor einem Monat hat Dr. Höltermann dann drei weitere Ultraschallgeräte und ein kleines, preiswertes EKG-Gerät, das nur aus einem Kabel und einer App auf einem Smartphone besteht, nach Ruanda gebracht. Das Geld für die Ultraschallgeräte, rund 10.000,- €, stellte diesmal allein der Lions Club Heppenheim zur Verfügung. Bei sehr intensiven Gesprächen mit der Gesundheitsministerin von Ruanda, Frau Dr. med. Diane Gashumba, und anschließend mit den Kardiologen des Landes hat der Weinheimer Arzt den Aufbau eines innerruandischen, telemedizinischen Netzwerkes besprochen. Auch aus Gründen der Nachhaltigkeit sollen in Zukunft die kardiologischen Kollegen in der Hauptstadt Ansprechpartner für die Allgemeinärzte in den Distriktkrankenhäusern sein. Die große Mehrzahl der Patienten kann nach erfolgter Diagnose von den Ärzten vor Ort behandelt werden. Schwierige Fälle können im Einzelfall erkannt und an die Kardiologen in Kigali weitergeleitet werden. Zwei der Ultraschallgeräte werden zu Testzwecken in zwei entfernten Krankenhäusern zum Einsatz kommen. Sollten sich die Geräte wie bisher bewähren, wurde mit den Kardiologen besprochen, dass das Projekt im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie auf weitere 20 Krankenhäuser ausgedehnt wird. Diese Studie könnte dann Vorbildcharakter für andere afrikanische Länder oder Länder mit entlegenen Regionen und schwierigen Transportmöglichkeiten haben.