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Das Problem

Das Problem

Überall wird heute getrunken,  Alkohol befreit von Hemmungen, stützt angeblich den Kreislauf, vertreibt Stress und Probleme. Bei vielen Menschen aber führt das vermeintliche Lösungsmittel dazu, dass sie nicht mehr aufhören können zu trinken, nicht aus Willensschwäche, sondern weil ein Defekt in ihrem Zentralnervensystem sie dazu zwingt. Ohne Alkohol fallen sie in tiefe Depressionen, können nicht mehr arbeiten, leben, lieben. Sie verwahrlosen und ziehen ihre Angehörigen mit in den sozialen Abgrund. Trotz aller Aufklärungsarbeit in den letzten Jahrzehnten wird Sucht als Krankheit noch immer nicht ausreichend verstanden. Über die Entstehung der Alkoholkrankheit ist noch wenig bekannt, sie ist Gegenstand der Forschung. Grundlagen sind – allgemein gesagt – Störungen der Transmitter (Botenstoffe) und zellulären Rezeptoren (Empfänger) im Gehirn. Die Krankheit kann sich entwickeln, wenn z.B. Menschen mit dieser genetischen Belastung der Substanz über längere Zeit ausgesetzt sind. Die konsumierte Menge spielt dabei eine wichtige, jedoch nicht die allein entscheidende Rolle. So gibt es viele Menschen ohne entsprechende Veranlagung, die große Mengen Alkohol konsumieren können, ohne abhängig zu werden. Von den weltweit betroffenen Millionen Menschen bleibt trotz aller therapeutischen Bemühungen nur ein sehr geringer Anteil (ca. 3%) dauerhaft „trocken“. Sie können die unheilbare Krankheit durch Abstinenz unter Kontrolle halten, die immer tödlich oder im geistigen Verfall (Wernicke-Korsakow-Syndrom) endet.

Verbreitung und „Kollateralschäden“ der Alkoholkrankheit in allen Gesellschafts­schichten werden unterschätzt, nicht zuletzt, weil es sich um eine von der Gesell­schaft geächtete Krankheit handelt. Der Hang zur Vertuschung wächst mit der sozialen Stellung. Man weiß, dass allein in Deutschland Millionen Kinder unter Sekundärschäden leiden.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. geht in ihrem Jahrbuch Sucht 2011 davon aus, dass in Deutschland 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Form konsumieren. Man nimmt an, dass viele Kinder und Jugendliche in Deutschland in unterschiedlichem Ausmaß Gewalt in der Erziehung erfahren. Rund 1,3 Millionen Kinder werden dabei körperlich misshandelt (Bundesministerium für Gesundheit 2004). Je länger und intensiver man sich mit der Problematik beschäftigt, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass die Problementwicklung und die Wahrnehmung in der Gesellschaft sich umgekehrt proportional verhalten. Bei genauem Hinsehen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Öffentlichkeit mit dem Problem je weniger zu tun haben will, desto mehr Menschen davon betroffen sind. Man möchte ein Problem dieser Größenordnung nicht wahrhaben. Folgen von Sucht sind ein erschreckender Anblick und zeigen im Spiegel ein unschönes Abbild. Wenn Vater oder Mutter suchtkrank, gewalttätig oder psychisch krank sind, bedeutet das für die Kinder unermessliches Leid, gerade weil Eltern die eigene Krankheit lange Zeit nicht akzeptieren können und äußere Hilfe nicht in Anspruch nehmen wollen. Kinder begreifen die Zusammenhänge nicht und machen sich Sorgen um ihre Eltern. Oft fühlen sie sich auch mitschuldig an der Situation, ergreifen die Initiative und nehmen Verantwortung auf sich. Sie kümmern sich um den erkrankten Elternteil oder um jüngere Geschwister, gehen einkaufen und machen den Haushalt. „Parentifizierung“ nennt man diese Übernahme der Elternrolle, mit der Kinder völlig überfordert sind. Aus Liebe zu den Eltern und dem Unverständnis der Situation sind sie unfähig, über ihre Nöte zu sprechen, und aus Scham wollen sie das Familiengeheimnis unter allen Umständen wahren. Dies führt dazu, dass auch sie selbst keine Hilfe annehmen. Aus einem alkoholkranken  Familiensystem steigt das Risiko der Kinder, selbst einmal suchtkrank zu werden. Je früher sich eine Suchtkrankheit entwickelt, desto schwerer ist sie behandelbar.