Europäische Friedensuhr in Minden

Seit dem 8. Mai zählt die Uhr die Zeit seit dem 8. Mai 1945. Die in der Europäischen Union führten seitdem keine Kriege mehr gegeneinander. Europäische Friedensuhr in Minden

​​​Minden. Genau 76 Jahre, einen Monat und 23 Tage herrschte am 2. Juli 2021 Frieden zwischen den Staaten, die sich zur Europäischen Union verbunden haben. Mit diesem Zeitstand ist jetzt die „Europäische Friedensuhr“ in Minden offiziell eingeweiht worden. Sie hängt am Rathaus, das wie der Dom und Teile der Innenstadt zum Kriegsende 1945 in Trümmern lagen.

Als Ehrengast der Einweihungszeremonie konnte der Europaabgeordnete David McAllister, der seit 2015 Vizepräsident der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament ist und von 2010 bis 2013 Ministerpräsident des Landes Niedersachsen war, gewonnen werden. Er trug sich zuvor in der Domschatzkammer ins Goldene Buch der Stadt Minden ein. Bürgermeister Michael Jäcke erinnerte in seinem Grußwort zur Einweihung daran, wie wertvoll der andauernde Frieden für Europa und die Menschen ist. Auch hob er hervor, was Freundschaften zwischen Ländern und Städten alles bewegen konnten und können.

Seit mehr als 76 Jahren hält der Frieden zwischen weiten Teilen Europas. Das dokumentiert die digitale Friedensuhr, die die Jahre, Monate, Stunden, Minuten und Sekunden des Friedens anzeigt. Sie und die begleitende Internetseite ist ein Projekt der Gesellschaft zur Förderung Internationaler Städtepartnerschaften e.V. (GeFIS). Finanziell und ideell wird das Projekt von drei Lions Clubs aus der Region und durch den Verfügungsfonds „Historische Innenstadt Minden“ der Stadt Minden unterstützt. Die Gesamtkosten des Projekts werden zu rund 43 Prozent aus dem Verfügungsfonds und zu rund 57 Prozent von den Lions Clubs Minden, Porta Westfalica und Porta Westfalica-Judica getragen.

Nach zwei Anläufen für eine geplante Einweihung war es nun am 2. Juli soweit: Nach dem ersten Grußwort von Heinrich Wiese, stellvertretender Vorsitzender der GeFIS, wurde die Flaggencollage, die die Friedensuhr verdeckte, eingeholt. Weitere Grußworte und die Festrede von David McAllister folgten. Untermalt wurde die Zeremonie von Musik des Streichquartetts „Carpentiers – Te Deum“. Die große Fahne mit den Flaggen aller Mitglieder der Europäischen Union hat sich „Pulse of Europe“ in Minden aus Marburg ausgeliehen und für die Einweihungszeremonie zur Verfügung gestellt.

Mit eindrücklichen Worten sprach David McAllister vor den geladenen Gästen und zahlreichen Passanten. „Die EU ist das erfolgreichste Friedensprojekt weltweit. Wir brauchen ein starkes und vereintes Europa, das uns seit Jahrzehnten Freiheit und Wohlstand garantiert“, so der Europaabgeordnete. Die EU trage zur Sicherheit und zur Stabilität des Friedens bei. Sie sei aber auch eine Wertegemeinschaft, so McAllister weiter. Diese Gemeinschaft stehe für die Einhaltung von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie. „Wir alle machen Europa stark“, sagte der Ehrengast bezogen auf die Worte von Bürgermeister Michael Jäcke. Auch er wünschte sich – wie seine Vorredner – dass „die Uhr niemals stehen bleibt“.

Am 8. Mai 2020, wo an 75 Jahre Kriegsende in weiten Teilen Europas gedacht wurde, sollte das Projekt „Europäische Friedensuhr“ mit geladenen Gästen offiziell vorgestellt werden. Das war coronabedingt so nicht möglich. Stattdessen wurde ein Banner von den Beteiligten am Rathaus aufgehängt. Bei einer internationalen Konferenz, die für September 2020 geplant war, sollte die Uhr ursprünglich enthüllt werden. Diese Veranstaltung musste - wie viele andere - wegen der andauernden Pandemie abgesagt werden. Auch der nächste, ins Auge gefasste Einweihungstermin Ende April 2021 musste aufgrund der Pandemie noch einmal verschoben werden.

„76 Jahre Kriegsende bedeutet aber auch seit 76 Jahren Frieden in weiten Teilen Europas“, strich Bürgermeister Michael Jäcke heraus. Am 9. Mai 1945 kehrte auch in Minden der Frieden wieder ein. Kein Mensch mehr musste Angst vor Bombenangriffen, vor Terror und Gewalt haben. Dafür kam anderes Leid über die Bürger*innen: Obdachlosigkeit, Hunger, Trauer und die Ungewissheit, wer von der Familie und den nahen Verwanden überlebt hat.

An die „Stunde Null“ in Minden, den Wiederaufbau, die Integration von Geflüchteten und Vertrieben und die ersten Annäherungen zu den anderen europäischen Ländern erinnern Geschichten, die auf der begleitenden Internetseite (https://friedensuhr.minden-erleben.de/) zu finden sind. Die Website kann auch mit einem QR-Code an der Gedenktafel unterhalb der Friedensuhr am Scharn aufgerufen werden.

Die Idee zur Europäischen Friedensuhr, die einmalig in der Region und vermutlich auch in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus ist, entstand 2018 – zum 100. Jahrestag des Kriegsendes 1918. Mitglieder der Mindener Städtepartnerschaftsgesellschaft besuchten aus diesem Anlass Schlachtfelder an der Somme. „In einem französischen Schützengraben entstand vor drei Jahren die Idee, nicht nur immer wieder an Kriege, Schlachten und Opfer zu erinnern, sondern dem eine Erinnerungskultur an 75 Jahre Frieden gegenüber zu stellen“, erläutert Heinrich Wiese, stellvertretender Vorsitzender der GeFIS.

Daraus sei 2019 ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Stadt Minden erarbeitet worden. Bürgermeister Michael Jäcke hat dafür die Schirmherrschaft übernommen. „Es war eine tolle Idee, sich auf diese Weise inhaltlich mit dem Frieden in Deutschland und den Ländern der EU auseinanderzusetzen und hier auch regionale Aspekte einzubringen“, so Jäcke. Die Uhr, die seit Mitte Dezember am Rathaus hängt, genießt viel Aufmerksamkeit und ist ein beliebtes Fotomotiv von Bürgern und Touristen.

Der Ort, an dem Uhr angebracht werden sollte, wurde im Vorfeld in Abstimmung mit der Denkmalbehörde ausgewählt. „Weil am Scharn die Zerstörungen besonders stark waren, bot sich dieser Platz besonders an“, erläutert Stadtkämmerer Norbert Kresse, der auch verantwortlich für die städtische Gebäudewirtschaft ist. Die Pläne für das Projekt wurden Anfang Mai 2020 im Haupt- und Finanzausschuss der Stadt Minden vorgestellt.

„Ein ganz wichtiger Baustein des Friedens ist für uns der europäische Einigungsprozess“, betont Ute Hannemann, Vorsitzende der GeFIS. „Darum haben wir auch den Namen ,Europäische Friedensuhr‘ gewählt, obwohl uns bewusst ist, dass nicht alle Länder unseres Kontinents das Glück von nunmehr 76 Jahre Frieden hatten. Viele Staaten in Europa, die Jahrhunderte lang immer wieder Krieg gegeneinander geführt haben, pflegen seit Jahrzehnten einen freundschaftlichen Umgang und sind heute friedlich miteinander verbunden. Das wollen wir mit der Uhr würdigen“, so Hannemann weiter.

„Die Lions in Deutschland mit ihren 53.000 Mitgliedern haben anlässlich des schwindenden europäischen Zusammenhalts kürzlich eine Grundsatzerklärung zu Europa verfasst“, berichten gemeinsam die Präsident*innen der Lions Clubs Minden, Porta Westfalica und Porta Westfalica-Judica. Europa sei vor allem ein Friedensprojekt, das zu Recht 2012 mit dem Friedensnobelpreis für die Europäische Union gewürdigt wurde. Dieses sei keine Selbstverständlichkeit, sondern bedarf eines aktiven Engagements seiner Bürger*innen und Bürger. Vor diesem Hintergrund hätten sich die drei Lions Clubs auch dazu entschieden, das Projekt „Friedensuhr“ zu unterstützen, welches ein „einmaliges Symbol“ für den Frieden in der Region und vermutlich einzigartig in Europa sei.