Die Bibel gegen den Strich gelesen – Fehlübersetzungen, Vorurteile und Missverständnisse

Vortrag von Prof. Dr. Stefan Beyerle, Greifswald Die Bibel gegen den Strich gelesen – Fehlübersetzungen, Vorurteile und Missverständnisse

Dank an Prof. Beyerle durch den Präsidenten Christoph Susewind (Foto: Jos Thijs)

12. Okt. 2018: Stefan Beyerle (* 1964 in Landau in der Pfalz) ist seit Mai 2008 an der Universität Greifswald Professor für Altes Testament. In seinem Vortrag ging es ihm darum, auf der Grundlage einer kritischen Quellenexegese und Berücksichtigung des historischen Kontexts bekannte Auflassungen über die Aussagen der Bibel zu hinterfragen und auch zu widerlegen. 

Er widmete sich zunächst dem Begriff der Bibel (hier das AT), die fälschlicherweise als ein einheitliches Buch aufgefasst wird, jedoch aus einer Sammlung mehrerer Schriften besteht. Der Ausdruck „Bibel“ stammt von einer phönizischen Hafenstadt, die in der Antike ein Hauptumschlagplatz für Bast war, aus dem die Papyrusrollen hergestellt wurden. Der Plural biblia (eine Sammlung von mehreren Schriftrollen, Bücher) wurde im Kirchenlatein irrtümlich als Singular eines lateinischen Femininums aufgefasst.

Nach Prof. Beyerle handelt es sich bei der Auffassung, dass die Juden eine durchweg monotheistische Gottesvorstellung hatten, wohl um eine Fehlübersetzung. Ebenso sei der Satz „Auge um Auge, Zahn um Zahn…“ fälschlicherweise als Vergeltung aufgefasst, die das Opfer oder seine Vertreter auffordere, dem Täter Gleiches mit Gleichem „heimzuzahlen“ keineswegs so aufzufassen, sondern Augenmaß und genaue Entsprechung von Strafe und Schaden gefordert werde.

Prof. Beyerle widersprach deutlich der These, aus dem AT lasse sich ein Verbot von Homosexualität ableiten. Es gehe in den zitierten Geboten wohl gar nicht um die „falsche Sexualität“ oder „ falsche Sexualhandlung“, sondern um den Akt der gewaltsamen Unterdrückung eines freien Israeliten.

Zum Abschluss seines Vortrags verlas Prof. Beyerle einen „Brief an Dr. Laura Schlesinger“, eine amerikanische Moderatorin, die in ihren Sendungen extrem konservative religiöse Positionen vertritt. In dem Brief wird deutlich, zu welch abstrusen und widersinnigen Schlüssen eine sog. wörtliche Übernahme von Bibelzitaten oder eine fundamentalistische Bibelauslegung als konkrete Handlungsanweisung für das Leben führen kann.