Interview mit Zeitzeugen Jumelage mit dem LC Oostende

Interview mit Zeitzeugen v.r.n.l.: LF Dr. Wilhelm Uhle, LF Uwe Jürgens, LF Helmut Vogt und LF Dr. Volker Werb
Interview mit Zeitzeugen v.r.n.l.: LF Dr. Wilhelm Uhle, LF Uwe Jürgens, LF Helmut Vogt und LF Dr. Volker Werb

Wie Staatsgäste wurden wir empfangen…

„Am Ortseingang von Oostende wartete eine Polizeieskorte auf uns; wie Staatsgäste wurden wir empfangen und durch Oostende geleitet“.

So schildern Zeitzeugen den Beginn der Jumelage.

Beziehungen brauchen zur Festigung Bilder, Symbole und Gesten. Hieran wird Erinnerung geknüpft, hieraus wird Kraft geschöpft.

Das erste Treffen in Paderborn wurde spannungsvoll erwartet. Würde es gut gehen? Mit wildfremden Menschen einfach so eine Jumelage? Nur das Lionssymbol verband.

Es ging gut, erstaunlich gut, wenn man den  Bericht der Zeitzeugen liest. Dann der erste Besuch, der Gegenbesuch in Ostende. Mit Bildern und Gesten eng verbunden und dadurch unvergesslich.

Ein schwerer Anfang, so schien es, so war es aber tatsächlich nicht.

Die Zeit war reif für Twin-Sistercity- und Jumelageprogramme  in den 1950er-  und 1960er-Jahren. Völkerverständigung in Europa war nicht nur politisches Programm, das verbunden wird mit den Namen Paul Henri Spaak (Belgien) Maurice Schumann (Frankreich), Alcide de Gasperi (Italien) und Konrad Adenauer.

Die Welt nach 1945 war aus dem Lot.

Ein Neubeginn musste nach den grauenvollen Erlebnissen der Vergangenheit mit ihren Ergebnissen der Zerstörung, der Zerrissenheit und des Hasses unter den Nationen versucht werden. Im Grunde bedeutete  dies, die Umsetzung der politischen Willensentscheidungen in der Basis. Die Menschen mussten ins Gespräch kommen, sich verstehen lernen.

 Die Lions Clubs mit ihrer selbstgewählten Ausrichtung waren dafür wie geschaffen. Diese Idee als Basis reichte zunächst zum unbefangenen Kontakt und zum  Kennenlernen. Daraus sind Freundschaften über Generationen entstanden, die es zu erhalten und zu pflegen gilt.

Urteilen Sie selbst, ob dies gelungen ist ...

Fünf  Fragen an drei Zeitzeugen

(Dr. Wilhelm Uhle, Helmut Vogt und Dr. Volker Werb im Gespräch mit Uwe Jürgens)

Empfang im Rathaus von Paderborn 1985 aus Anlass des 25 jährigen Jubiläums des Clubs
Empfang im Rathaus von Paderborn 1985 aus Anlass des 25 jährigen Jubiläums des Clubs

Welche Beweggründe waren entscheidend? Wer gab den Anstoß zur Vereinbarung gerade dieser Jumelage?

Der Zeitgeist war entscheidend. Völkerverständigung, das entsprach zutiefst den Bedürfnissen der  Menschen jener Zeit. Die Folgen der grauenvollen Vergangenheit galt es zu überwinden, die Spaltung und Zerrissenheit Europas und der Welt, die Feindschaft zwischen den Völkern.

Gerade einer internationalen Service-Organisation wie LIONS-International kam dabei eine Vermittler- und Maklerrolle zu. Aus Zürich kam das Signal Richtung Belgien, d.h. verschiedene Vorschläge zu einer Jumelage mit einem belgischen Lions Club. Kontakte unseres damaligen Präsidenten Dr. Schirmer  führten nach Oostende; er war – so gesehen –  die entscheidende Person. Er verabredete damals einen „Ehevertrag“  zwischen den Clubs in Oostende und Paderborn.

Ausschnitt aus der Urkunde zur Begründung einer Jumelage mit Le Mans im Jahre 1967
Ausschnitt aus der Urkunde zur Begründung einer Jumelage mit Le Mans im Jahre 1967

Es gab kurzzeitig auch eine Jumelage mit dem LC Le Mans. Wann und warum wurde diese Jumelage beendet?

Das ist zutreffend. Anstoß hierzu gab die Stadt Paderborn und insbesondere unser LF Leidinger (damals 2. Stadtdirektor).

Im Rahmen der Wiederbelebung der Jumelage der Bistümer Le Mans und Paderborn und der Begründung einer Städtefreundschaft zwischen den beiden Kommunen lag es nahe, eine Jumelage auch der örtlichen LC`s  zu versuchen.

Das begann am 4. Juni 1967 mit dem Besuch einer Paderborner Lions -Delegation  in Le Mans und ließ sich zunächst auch recht gut an. Zusammen mit unseren Freunden aus Oostende und  Le Mans feierten wir sogar - von uns so benannte -Triple-Jumelagen in Aßmannshausen und Traben-Trabach.

Der Vorschlag zur Triple-Jumelage kam vom Paderborner Lions Club, einerseits, um nicht zweimal im Jahr eine Jumelage zu haben, also den zeitlichen  Aufwand wieder auf das alte Maß zu verringern, aber andererseits auch, um den finanziellen Aufwand einzugrenzen. Unser Vorschlag fand bei unseren Freunden aus Oostende indes keinen Zuspruch.

In der Folgezeit waren dann aber auch die Paderborner Lionsfreunde nicht mehr gewillt, den mit der 2. Jumelage verbundenen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand auf sich zunehmen.

Unsere  Jumelage mit dem LC Le Mans wurde deshalb schließlich 1975 einvernehmlich beendet. Beiden Clubs war einsichtig geworden, dass die große Entfernung zwischen den beiden Städten und das doch deutlich gewordene Sprachproblem einer gedeihlichen Jumelage entgegenstünden.

Jumelage mit Überfahrt nach England, hier Leeds Castle
Jumelage mit Überfahrt nach England, hier Leeds Castle

Wie wurde die Jumelage mit dem LC Oostende zunächst gestaltet und wie entwickelte sie sich über die Jahrzehnte?

Der erste Besuch zur Jumelage  - gleichsam die „Verlobung „ - fand im Herbst 1961 in Paderborn statt. Die Freunde aus Oostende kamen mit einem Reisebus für einen Besuch am Wochenende (Samstag, Sonntag). Wir waren alle gespannt, was auf uns zukam. Wir mussten uns kennenlernen, wildfremde Menschen, verbunden nur (?) durch das Lionsband.

Die steife Stimmung wurde schnell locker und herzlich. Private Abende gab es noch nicht, aber zum Beispiel einen  spontanen Hausbesuch von  zwei Nachzüglern aus Oostende, denen bei Uhles  ein Linseneintopf aufgetischt wurde, wobei das Hauptproblem in der Übersetzung des  Wortes „Linsensuppe“ bestand.

Zunächst kam es darauf an, sich kennenzulernen, Vertrauen zu bilden und Freundschaften zu begründen. Dann mussten Strukturen geschaffen werden: wie oft und wo treffen wir uns in welchem Rahmen?  Das gelang alles problemlos und sehr einvernehmlich. Bis heute - also fast fünfzig Jahre - leben wir diese Jumelage unverändert mit dem Freitag in der Familie, dem offiziellen Samstag und dem lockeren Ausklang und Abschied am Sonntag. Manches ist im Laufe der Jahrzehnte  äußerlich verändert worden (z.B. der Abendrobe folgte der Straßenanzug; auch das ein Zugeständnis an den Zeitgeist).

Nach der „Verlobung“ in Paderborn folgte die „Hochzeit“ in Oostende am22./23. September 1962.

Wir fuhren mit privaten PKWs. Zur logistischen Vorbereitung gehörte die Bereithaltung eines Reisepasses, ohne den wir die Grenzen nicht passieren konnten. Und dann die Valuta: Wir mussten in Paderborn  DM in belgische Francs umtauschen. Es gab noch keine EC- Schecks, auch die EC-Karte, mit der man europaweit bei Banken Geld abheben konnte, gab es damals noch nicht. LF Anton Werner versorgte uns sachkundig mit den nötigen Devisen.

Am Ortseingang von Oostende wurden wir von einer Polizeieskorte und unseren Lionsfreunden abgeholt.

Im Korso wurden wir - wie Staatsgäste- durch Oostende zum Rathaus geleitet, wo der   Empfang durch den Bürgermeister stattfand. Unvergleichliche Eindrücke sind mit dem ersten Treffen in Oostende verbunden.

Die Jumelage hatte jetzt eine formelle Basis, sie hatte aber auch Gesichter in Oostende und in Paderborn. Hierauf konnten wir aufbauen. Eine Erfolgsgeschichte hatte ihren Anfang genommen.

Wir besuchten gemeinsam die jeweiligen Regionen (Flandern und OWL), aber auch bedeutsame Zentren (z.B. Brügge, Gent und Brüssel, Berlin, Erfurt, Weimar und Hamburg).

Wir lernten unsere Clubmitglieder aber auch unsere Freunde aus Oostende so besser kennen.

Jumelage in Oostende 1998 mit Besichtigung von Verteidigungsanlagen bei Oostende aus dem 1. Weltkrieg
Jumelage in Oostende 1998 mit Besichtigung von Verteidigungsanlagen bei Oostende aus dem 1. Weltkrieg

Welche persönlichen Eindrücke und Erfahrungen mit der Jumelage haltet Ihr für mitteilenswert? 

Wir sind von Anbeginn ohne Scheu miteinander umgegangen. Das hört sich heute so selbstverständlich an. War es damals aber keineswegs. Wie sollten wir unbefangen mit der grauenvollen Vergangenheit, die zunächst unausgesprochen über uns schwebte, im Kontakt mit unseren belgischen Lionsfreunden umgehen?

Hier zeigte sich sehr bald, wie  fest das freundschaftliche Band schon war. Unsere belgischen Freunde machten es uns leicht. Vorbehaltlos und frei sprachen wir über alles und hatten hierbei das Ziel  vor Augen: was wir dazu beitragen können, dass sich Freundschaften über Grenzen entwickeln, werden wir tun.  So ist es dann über fast 50 Jahre auch geschehen. Gespräche sind die Basis für Verständigung.

Jumelage 2003 mit einer Fahrt nach Berlin, hier in Potsdam
Jumelage 2003 mit einer Fahrt nach Berlin, hier in Potsdam

Wie beurteilt Ihr die Perspektiven der Jumelage mit Oostende? Könnte man aus Euren Erfahrungen vielleicht Anregungen und Ratschläge für eine weiterhin positive Entwicklung ableiten? Welche wären dies?

Ratschläge geben? Das steht uns nicht zu. Keiner weiß, was kommt und jede Zeit hat ihre spezifischen  Problem-  und Bewusstseinslagen.

Gewiss hat u.a. auch unsere Jumelage - im Kleinen - ihren Beitrag zur Völkerverständigung geleistet. Daran ist stets mit Dankbarkeit zu erinnern.

Zunächst waren wir aktiven Lionsfreunde mit unseren Ehefrauen  die Träger der Jumelage, später konnten viele unserer Kinder davon profitieren. Sie besuchten sich in Ostende und Paderborn.

Auch sie haben die Jumelage mit gelebt.

Die Jumelage wird - bei allen Wellenbewegungen, die durch personellen Wechsel in den beiden Clubs fast zwangsläufig entstehen - jedenfalls dann Bestand haben, wenn der   bedeutsame Wert gemeinsamer Reisen  für unseren Club und die Wichtigkeit gemeinsamen Erfahrungsaustausches mit unseren Oostender Freunden hochgehalten und auch zukünftig gelebt wird.

Jede Freundschaft braucht Gesichter¸ also müssen wir unsere Gesichter in der Jumelage auch zeigen!

Teilnahme ist gelebte Jumelage.

Uwe Jürgens für den LC Paderborn